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Oliver Tölke
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Zahlen ohne Bank

Von gestreamten Beerdigungen und Account-Zugängen Verstorbener

12. Oktober 2020

  • Die Beerdigung als Livestream - ein Trend aus Großbritannien schwappt immer stärker über den Kanal.
  • Die Organisation von Beerdigungen wird zunehmend auch digital möglich.
  • Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Die Account-Zugänge Verstorbener müssen Verwandten nach dem Tod freigegeben werden.

Trauern am Bildschirm - Per Link zur Trauerfeier

Die Corona-Zahlen steigen teils drastisch, die Beschränkungen im öffentlichen Leben wachsen in gleichem Maße. Wenn wir in diesen Zeiten einen Angehörigen, einen Freund oder nächste Verwandte verlieren, kann die Beerdigung und vor allem die Trauerfeier zu einem Problem werden. Denn eine Zeremonie mit vielen Gästen ist je nach Wohnort derzeit nicht erlaubt und manche Angehörige aus anderen Bundesländern dürfen möglicherweise gar nicht anreisen. Ein Ausweg sind gestreamte Beerdigungen. Das klingt auf den ersten Blick sicherlich befremdlich, ist aber gerade auch in diesen Zeiten für den einen oder anderen eine Alternative. Dabei bekommen die Trauernden einen passwortgeschützten Link zugeschickt, mit dem sie der Trauerfeier per Videostream am eigenen Bildschirm beiwohnen können. Gefilmt werden nur die Ansprachen und das Begräbnis, die Reaktionen der (wenigen) Anwesenden bleiben tabu.

Barrierefreie Trauerfeier

Die digitale Trauerfeier ermöglicht aber nicht nur die Anteilnahme während einer Pandemiezeit. Ein Stream ist auch eine Option für Menschen, die weite Reisen aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen nicht schaffen, die auf dem Boot bei einer Seebestattung keinen Platz mehr finden oder die generell nicht gut zu Fuß sind. Manche Bestattungs-Unternehmen bieten mittlerweile auch eine Aufzeichnung der Bestattung an, „die als Erinnerung bzw. für alle Angehörigen und Freunde gedacht ist, die nicht über das technische Wissen oder entsprechende Geräte verfügen, um dem Livestream beizuwohnen. Somit kann das Begräbnis auch zu einem späteren Zeitpunkt angesehen werden.“ Bei aller digitaler Anteilnahme ist aber auch klar, nach der Übertragung sitzt der Anteilnehmende alleine vor seinem Bildschirm und kann keinen Trost der Angehörigen und Freunde bekommen.

Ursprung Großbritannien

Die Idee der virtuellen Beerdigung kommt aus Großbritannien. Dort bieten schon zahllose Unternehmen den Livestream einer Beerdigung an. Dabei beginnt die Übertragung häufig auch schon mit dem Eintreffen der Gäste vor Ort. So sollen sich die Online-Trauernden als Teil der Trauergemeinschaft fühlen können und - ganz praktisch - frühzeitig testen können, dass die Übertragung funktioniert. Das wirke beruhigend, erklärte Scott Walters in einem Interview. Er ist Chef eines britischen Bestattungsunternehmens, das als einer der Vorreiter des Streamens von Beerdigungen gilt. Allerdings ist die Beerdigung im Stream nicht jedermanns Sache: Die Befragung einer britischen Versicherungsgesellschaft ergab 2017, dass fast 50 Prozent der Befragten eher auf eine Beerdigung verzichten würden als sie per Stream an zu schauen. Gerade jüngere Menschen seien aber offener für diese Form der Anteilnahme.

Komplett digital organisieren

Der Livestream ist aber nur ein Aspekt der zunehmend digitalisierten Beerdigung. Immer mehr Unternehmen bieten auch eine Online-Planung der Beerdigung an. „Wir sind mit der Idee gestartet, dass es doch einfacher sein müsste, wie man eine Beisetzung organisieren kann - ohne Druck, von zu Hause und mit allen Informationen, die ich so brauche,“ heißt es beispielsweise auf der Homepage von mymoria. Das Berliner Start-up hat sich auf digitale Beerdigungen spezialisiert, online kann von der Trauerkarte bis zum Sarg alles angeschaut und bestellt werden. Über den Hashtag #wirsprechendrueber bieten das Unternehmen auch an, über Bestattung und Tod zu sprechen und Fragen zu beantworten.

Accounts nach dem Tod freigeben

Apropos online und Tod: Der Bundesgerichtshof hat vor wenigen Wochen ein Grundsatzurteil gefällt. Danach müssen Social Media-Plattformen Angehörigen den Zugang zu den Accounts der Verstorbenen gewähren. Erben müssten sich im Konto der Angehörigen so bewegen können wie der verstorbene Kontoinhaber selbst, so der Bundesgerichtshof. Experten erwarten, dass dieses Urteil generelle Wirkung haben wird auch auf andere Websites, die ein Login brauchen. Damit es gar nicht erst zur Klage bzw. zu Auseinandersetzung dieser Art kommt, empfiehlt die Verbraucherzentrale schon früh den digitalen Nachlass zu regeln: Dafür sollten wir „eine Person des Vertrauens mit allen Aufgaben rund um Ihr digitales Leben“ bestimmen und eine „Übersicht aller Accounts mit Benutzernamen und Kennworten“ erstellen. Auf einer speziellen Website bietet die Verbraucherzentrale eine Checkliste mit Hinweisen zu Online-Anbietern für den digitalen Nachlass, Mustervollmachten und -listen. 


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Eine Person die eine Computertastertur mit Maus bedient

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